Sieg der Technik

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In einem Textilunternehmen werden Knöpfe angenäht. Ein Arbeitskreis aus Ingenieuren und Führungskräften wird zusammengestellt, um die Produktivität zu erhöhen.

Mittels Eingabe der angenähten Knöpfe in ein ERP System steht schnell fest: Die Näherinnen haben unterschiedliche Knopfleistungen.

Eine 14-tägige Videoanalyse macht das Problem transparent: Manchmal nehmen die Näherinnen zu kurze Fäden, dann reicht der Faden nicht zum Annähen oder manchmal zu lange Fäden, dann wird zu viel Zeit beim Durchziehen des Fadens verloren.

Die Lösung: Die Ingenieure legen einen Standard fest. Über die ERP Daten, die um die Fadenlänge erweitert wurden, wird in einem dreimonatigen Test die optimale Fadenlänge ermittelt. Die Produktivität steigt, der Arbeitskreis feiert, das Management fordert weitere Produktivitätssteigerungen vom Arbeitskreis. Der Arbeitskreis stellt fünf neue Ingenieure ein.

Eine Videoanalyse der neuen Ingenieure zeigt: Einige Näherinnen nähen schneller, andere fädeln schneller ein.

Die Lösung: Die Führungskräfte teilen die Näherinnen in Einfädlerinnen und Näherinnen ein. Die Produktivität steigt, der Arbeitskreis feiert, das Management fordert weitere Produktivitätssteigerungen vom Arbeitskreis. Der Arbeitskreis stellt fünf neue Führungskräfte ein.

Die neuen Führungskräfte stellen an Hand der ERP-Knopfleistungen, die inzwischen um Arm- und Fingerlängen der Näherinnen erweitert wurden, fest, dass es für das Einfädeln und Nähen optimale Arm- und Fingerlängen gibt.

Die Näherinnen ohne diese optimalen Arm- und Fingerlängen werden entlassen. Passendes Humanmaterial wird eingestellt. Der Arbeitskreis feiert!

Bis er merkt, dass die Produktivität eingebrochen ist. Das Unternehmen wird zu teuer, Kunden springen ab, das Management bekommt die Fixkosten nicht in den Griff und geht Pleite.

Die Kunden wechseln zu einer kleinen Fabrik am Stadtrand. Dort gab es keine festgesetzten Fadenlängen, Arm- oder Fingerlängen. Die Näherinnen in diesem Betrieb fühlen sich wohl, arbeiteten weniger überhastet und haben ein großes Interesse, sowohl für sich als auch für den Arbeitgeber, mehr zu leisten.

Schon seit 1920 [1] wissen wir um die Gefahren übertriebener Arbeitsteiligkeit oder zu weit getriebener Optimierung.

Null Autonomie bei der Arbeitsaufgabe = null Motivation = null Identifikation!

Ressourcen:

[1] Frei nach Frey: Frey, J.P. (1920). Die wissenschaftliche Betriebsführung und die Arbeiterschaft. Eine öffentliche Untersuchung der Betriebe mir Taylor-System in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Leipzig: Lindner
[2] Ulich, E. (2011). Arbeitspsychologie. 7. Auflage, S. 12. Schöffer-Poeschel Verlag: Stuttgart

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