Handlungsspielraum und soziale Unterstützung reduzieren Stress

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Radka Linkova

Nörzig hat einen Plan – nur, Kinder lassen sich nicht verplanen. Sein Kleiner ist heute Morgen mit dem falschen Bein aufgestanden und kommt einfach nicht aus dem Tee. Normalerweise liefert Nörzig den Dreijährigen um 08:00 Uhr in der Kita ab. Heute verliert Nörzig den Kampf gegen die Uhr. Statt 08:00 Uhr ist es schon 08:20 Uhr. An normalen Tagen schafft er es in 20 Minuten zur Arbeit. Aber heute ist nicht „normal“ – sondern Wintereinbruch.
Die Straßen sind spiegelglatt, die Autofahrer übervorsichtig, die Fahrt durch die Stadt wird zum Geduldsspiel. Und um 09:00 Uhr wird der neue Großkunde an der Pforte stehen, um sich die Fertigung anzuschauen. Jetzt bloß nicht den neuen Kunden auf der Zielgeraden noch verärgern. Nörzigs Hoffnung wandelt sich mit jeder Rotphase in Enttäuschung. Er ist sich sicher, bis 9:00 Uhr schafft er es nie.
Wie hoch ist Nörzigs psychische Beanspruchung, der empfundene Druck? Dies hängt davon ab, welche Möglichkeiten er im Umgang mit der Situation hat. Welche Ressourcen hat Nörzig, um die Situation zu bewältigen?
Nörzig wird klar, dass er es heute nicht bis neun Uhr in die Firma schafft. Also ruft er seinen Chef an und teilt ihm mit, dass er nicht vor 09:30 Uhr da sein wird.

Stellen Sie sich die folgenden zwei Szenarien vor:
Szenario A: Nörzigs Chef dreht durch und belehrt ihn, dass er in diesem Jahr bereits das zweite Mal zu spät zur Arbeit kommt. Die Kernzeit beginne um 09:00 Uhr, nicht 9:30 Uhr! Nörzig habe sicherzustellen, dass er um neun Uhr in der Firma ist. Nörzig versucht auf die Öffnungszeit des Kindergartens und die spiegelglatten Straßen zu verweisen. Der Versuch jedoch scheitert. Der Chef will keine Ausreden – Nörzig soll Gas geben und sich gefälligst um den Kunden kümmern.
Szenario B: Nörzigs Chef bietet an, den Kunden um neun Uhr zu empfangen und den Kollegen Brüggel zu bitten, mit dem Kunden die Werkführung zu beginnen. Dann könne Nörzig ab 10 Uhr die Firmenpräsentation halten. Der Chef bittet Nörzig ruhig und vorsichtig zu fahren und bei einer größeren Verspätung nochmals anzurufen.
Wie wird sich der Nörzig im Szenario A und wie im Szenario B fühlen? Die Belastung: Kind kommt nicht aus dem Tee, Wintereinbruch, verstopfte Straßen und wichtiger Kunde um 09:00 Uhr an der Pforte, ist in beiden Situationen gleich.
Im Szenario A bekommt Nörzig keine Unterstützung. Er muss den wichtigen Kunden an der Pforte warten lassen. In Szenario B bekommt Nörzig soziale Unterstützung von seinem Chef und seinem Kollegen Brüggel. Er hat die Gewissheit, dass der wichtige Kunde betreut wird.
Im Szenario B hat der Nörzig Ressourcen um die Belastung zu puffern. Seine psychische Beanspruchung ist deshalb im Szenario B geringer als im Szenario A.

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